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GESICHTER DES PROJEKTS: Nicole Steinicke

vom 24.06.2019

„Jeden Tag leben.“

Knapp 70 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sorgen dafür, dass das ASB-Projekt „Wünschewagen – Letzte Wünsche wagen“ in Mecklenburg-Vorpommern sein wichtigstes Ziel erreichen kann: schwerstkranken Menschen ihren letzten Wunsch zu erfüllen. In der Rubrik „Gesichter des Projekts“ möchten wir unsere Wunscherfüller*innen vorstellen. Für den vierten Teil der Interview-Reihe haben wir mit Nicole Steinicke gesprochen.

Hallo Nicole, der Wünschewagen in Mecklenburg-Vorpommern hat im Juni 2019 seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Du bist direkt nach der offiziellen Einweihung zum ehrenamtlichen Team gestoßen. Wie bist du damals auf das Projekt Wünschewagen aufmerksam geworden?
Ich glaube, dass der Wünschewagen mich gefunden hat und genau das macht das alles noch etwas schöner für mich. Eher zufällig hatte ich gelesen, dass der Arbeiter-Samariter-Bund in einigen anderen Bundesländern dieses tolle Projekt ins Leben gerufen hat und habe mir daraufhin sehr gewünscht, dass auch Mecklenburg-Vorpommern einen Wünschewagen bekommt. Und auf einmal lese ich in der Zeitung, dass er tatsächlich da ist! Wenig später habe ich mich bei Bettina Hartwig (die Projektleiterin des Wünschewagens MV, Anm. d. Red.) gemeldet und danach ging alles ganz schnell. Eine Woche nach meiner Anmeldung bekam ich die erste Anfrage für eine Wünschefahrt.

Der allererste Wünschende, den du begleitet hast, war erst elf Jahre alt…
… und ein absoluter Kämpfer! Wir haben Dustin und seinen Papa von der Ostsee zurück nach Halle begleitet. Der Kleine hatte sich einen Urlaub am Meer mit seinem Papa gewünscht. Es war der erste gemeinsame Urlaub für die beiden und er war total schön. Das Ambulante Kinder- und Jugendhospiz in Halle und die Aktion Kindertraum hatten den Urlaub organisiert und der Wünschewagen hat sich um den Hin- und Rückweg gekümmert. Ich denke noch oft an die Fahrt.

An welche Fahrten denkst du noch oft und gerne zurück?
Im November waren wir mit Gertraud an der Ostsee in Boltenhagen. Die Fahrt wurde auch von der Schweriner Volkszeitung begleitet. Wir hatten strahlenden Sonnenschein, aber es war trotzdem bitterkalt. Auf der Suche nach einem warmen Ort haben wir ein Café gefunden, das leider komplett voll war. Dank der Besitzerin haben wir am Ende aber doch noch mit reingepasst. Ich wollte uns gerade Kaffee besorgen, als Gertraud ernst zu mir schaute und sagte: ‚Du kannst medizinisch alles bestimmen, aber das bestimme ich.‘ Dann hat sie uns eingeladen. Sie wollte selbstbestimmt bleiben so gut es ging. Das hat mir imponiert. Bei David war es genauso. Insgesamt durfte ich ihn sogar dreimal mit dem Wünschewagen begleiten und immer fand ich es unglaublich, wie stark er war. David musste so viel Leid ertragen und trotzdem ist er eine Frohnatur gewesen, die alles gemeistert hat. Wenn wir gesund sind, vergessen wir leider viel zu schnell, wie kostbar das alles ist.

Aus deinem Berufsleben als freiberufliche Krankenschwester für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (kurz SAPV) im Landkreis Rostock bist du damit vertraut, Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt zu begleiten. Beim Wünschewagen ist die Zeit, angefangen beim Kennenlernen bis hin zum endgültigen Lebewohl, noch sehr viel kürzer. Wie gehst du damit um?
Ich übe meine Arbeit sehr gerne und mit ganz viel positiver Energie aus. Kein Tag ist so wie der andere – und genauso ist es beim Wünschewagen auch. Keine Fahrt ist wie die andere. Ich habe beim Wünschewagen viele besondere Momente mit verschiedenen Menschen erleben dürfen und stelle immer wieder fest, wie sehr mich das Projekt erdet. Ich merke aber auch, dass ich besser auf mich selbst achte und das Leben so genieße wie es kommt. Deshalb mag ich das Sprichwort ‚Man lebt nur einmal‘ auch nicht. Im Gegenteil: Man stirbt nur einmal. Man lebt jeden Tag! Dieses Lebensgefühl versuche ich sowohl meinen Patient*innen als auch den Wünschenden zu vermitteln. Das macht es für alle etwas leichter, auch wenn die Schicksale sehr ergreifend und aufwühlend sind.

Sind schon mal deine eigenen Patient*innen oder deren Angehörige mit einer Wunschanfrage auf dich zugekommen?
Ja, mehrfach sogar. Auch wenn die meisten von ihnen sagen, dass sie noch Zeit haben und warten möchten, bin ich der Meinung, dass mit dem Stellen einer Wunschanfrage nicht zu lange gewartet werden sollte. Nicht etwa, weil die Organisation zu lange dauert. Bettina setzt immer Himmel und Hölle in Bewegung, damit Wünsche in der noch verbleibenden Zeit erfüllt werden können und sich auch ganz kurzfristig Wunscherfüller finden. Es geht eher darum, so viel wie möglich bewusst wahrzunehmen und zu spüren. Ich verstehe aber auch jeden einzelnen, der sich schwer damit tut, eine Wunschanfrage abzuschicken. Auf einmal wird alles so final, auf einmal fühlt sich das eigene Leben oder das unserer Liebsten so endlich an. Aber es macht uns alle immer sehr traurig, wenn Wünschefahrten im letzten Moment abgesagt werden müssen, weil der oder die Wünschende kurz zuvor verstorben ist und sein oder ihr letzter Traum nicht mehr wahr werden konnte.

Damit unsere Wünschefahrten stattfinden können, geben unsere Ehrenamtlichen ihre freie Zeit und Urlaubstage oder werden von ihrem Arbeitgeber freigestellt. Doch es gibt auch ganz unglückliche Situationen, in denen sich keiner findet. Dann klingelt dein Telefon.
Am Anfang war es tatsächlich häufiger der Fall, dass ich als eine Art ‚Joker‘ eingesprungen bin. Ich habe Bettina gesagt, dass sie mich immer anrufen kann, bevor sie eine Fahrt absagen muss. Als Freiberuflerin kann ich mir meine Zeit flexibler einteilen und außerdem wohne ich nicht weit vom Wünschewagen-Standort entfernt. Ich möchte aber auch anderen die Möglichkeit geben, dieses einmalige Gefühl einer Wunscherfüllung zu erleben. Wir haben ein großes und wunderbares Ehrenamtsteam mit Wunscherfüllern, die teilweise hunderte von Kilometern zurücklegen, um bei einer Fahrt dabei zu sein. Das bewundere ich.

Mit dem Wünschewagen warst du in den vergangenen zwei Jahren an den unterschiedlichsten Orten und hast vor allem längere Wünschefahrten mitgemacht. Wie anstrengend ist es, mehrere Tage für eine Wunscherfüllung unterwegs zu sein?
Zum Glück gar nicht, denn das gesamte Wünschewagen-Team ist wie eine große Familie. Es ist eine sehr angenehme Vertrautheit da, sobald man sich sieht. Ich habe noch keine Unstimmigkeiten unter uns Wunscherfüllern erlebt und während der Fahrten haben wir immer sehr viel Spaß – vor allem mit den Wünschenden. Ich finde lange Fahrten aus mehreren Gründen sogar toll. Denn einerseits lernt man den Menschen noch viel intensiver kennen, dessen Wunsch man erfüllen darf. Und andererseits sehe ich Städte und Orte, die ich noch nicht kenne, aber wunderschön finde.

Wie empfindet deine richtige Familie dein Engagement für den Wünschewagen?
Meine Kinder wissen, was ich haupt- und ehrenamtlich mache und das finde ich auch wichtig. Dadurch können sie besser verstehen, warum ich mal keine Zeit für sie habe oder am Wochenende nicht zuhause bin. Ich bin sehr froh darüber, dass mir mein Mann so sehr den Rücken freihält.
Im weiteren Familien- und Freundeskreis werde ich ab und an gefragt, warum ich das eigentlich mache. Ich antworte dann ‚Weil du es nicht machst.‘ Und dann verstehen sie es.

Unsere beiden Wunscherfüller Korinna und Maik haben uns in den vorangegangen Interviews bereits erzählt, wie Unbeteiligte auf sie im Wünschewagen-Outfit reagiert haben. Erinnerst du dich auch ein Erlebnis, das hängengeblieben ist?
Wir fallen in unseren Outfits und natürlich mit unserem großen Wünschewagen auf – das ist klar. Da fällt mir auch ein, dass ich bei meiner ersten Fahrt total aus der Rolle gefallen bin, weil ich als einzige
keine dunkle Hose getragen habe, sondern eine komplett weiße. Damit werde ich auch immer noch aufgezogen… Doch zurück zum Thema: Natürlich gibt es auch ein paar doofe Fragen, aber grundsätzlich finde ich es schön, wenn uns Leute ansprechen, die wirklich neugierig sind und wissen möchten, was es mit unserem Projekt auf sich hat. Richtig schön ist es dann, wenn aus diesem Interesse sogar Engagement wird. Im April haben wir an einer Raststätte gehalten und Pause gemacht, als wir von zwei angehenden Notfallsanitätern angesprochen wurden. Die beiden waren auf dem Weg nach München und nach unserem Gespräch so von unserem Projekt begeistert, dass sie sich bei ihrem ASB vor Ort ebenfalls im Rahmen des Wünschewagens engagieren wollten. Ich hoffe es hat geklappt!

Nicole, wenn du noch einen letzten Wunsch hättest, was würdest du dir wünschen?
Zu meinem Lebensende wünsche ich mir, dass ich keinen offenen letzten Wunsch habe, sondern alles im richtigen Moment erleben durfte. Ich habe noch so viele Ziele und ich möchte sie alle erreichen. Vor allem aber möchte ich jeden Tag so nehmen wie er kommt und dabei glücklich sein.

Vielen Dank für das Interview!

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