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Gesichter des Projekts: Maik Haase

vom 28.02.2019

„Selbst wenn ich heute daran denke, kommen mir fast die Tränen. Diesen Moment werde ich nie vergessen.“

Knapp 70 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sorgen dafür, dass das ASB-Projekt „Wünschewagen – Letzte Wünsche wagen“ in Mecklenburg-Vorpommern sein wichtigstes Ziel erreichen kann: schwerstkranken Menschen ihren letzten Wunsch zu erfüllen. In der Rubrik „Gesichter des Projekts“ möchten wir unsere WunscherfüllerInnen vorstellen. Für den dritten Teil der Reihe haben wir mit Maik Haase gesprochen.

Hallo Maik, durch dein Hauptamt als Altenpfleger und dein Nebenamt beim ASB Regionalverband NORD-OST e.V. im Fahrdienst hast du beruflich bereits sehr viel mit älteren und pflegebedürftigen Menschen zu tun. Neben der schweren körperlichen Arbeit kommen bei dir viele anstrengende Nachtschichten hinzu. Und trotzdem engagierst du dich in deiner Freizeit noch zusätzlich für den Wünschewagen und begleitest schwerkranke Menschen bei der Erfüllung ihres letzten Herzenswunsches. Ist es sehr schwierig, Haupt-, Neben- und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen?
Nein, denn ich bin mit dem Herzen dabei und arbeite gerne in der Pflege und im Fahrdienst. Wenn diese persönlichen Voraussetzungen stimmen und auch das Team drum herum passt, dann klappt es auch mit der Organisation. Dass ich mich beim Wünschewagen-Projekt engagieren kann, hängt aber auch mit meinen Arbeitgebern zusammen, die hierbei hinter mir stehen. Vor allem beim ASB kann ich häufiger mal Dienste tauschen, wenn eine Wünschefahrt anliegt. Im Pflegeheim arbeite ich immer im Nachtdienst, da ist es natürlich schwieriger. Aber wenn ich könnte…

… dann würdest du auch nachts für den Wünschewagen aufstehen?
Ja, ohne Wenn und Aber. Mir tut es immer leid, wenn ich absagen muss. Ich weiß aber auch, dass ich an anderer Stelle ebenfalls gebraucht werde.

Viele unserer EhrenamtlerInnen, die hauptberuflich im sozialen Bereich arbeiten, freuen sich auch deshalb auf die Wünschefahrten, weil sie in diesem Rahmen mehr Zeit für den Menschen haben, um den es geht. Wie empfindest du den Unterschied?
Der Unterschied ist schon spürbar, da haben die KollegInnen recht. Da ich nachts arbeite, ist es für mich etwas leichter, für die Bewohner da zu sein, wenn sie mich brauchen. Dann kann ich länger am Bett bleiben und ihre Hand halten. Bei den Wünschefahrten ist es aber trotzdem ganz anders, weil nicht nur viel weniger Zeitdruck vorherrscht, sondern auch, weil man sich auf eine Person konzentrieren und die gemeinsame Zeit dadurch noch mehr genießen kann.

Deine erste Wünschefahrt war im November 2017 und führte von Neubrandenburg nach Rostock – auch wenn es genau andersherum geplant war.
Wir wollten einem schwerkranken Mann den Wunsch erfüllen, noch einmal seine Mama zu sehen. Da sich der Gesundheitszustand des Mannes kurzfristig leider sehr verschlechtert hatte, sind wir nicht wie geplant mit ihm zur Mama gefahren, sondern haben sie in der Nähe von Neubrandenburg abgeholt und nach Rostock gebracht. Dadurch war meine erste Wünschefahrt mit Blick auf den Wagen und unseren Fahrgast auch keine gewöhnliche – schließlich sind wir mit dem kleinen Wünschewagen, einem VW Golf, zur Mama und nicht zum Sohn gefahren. An der Wunscherfüllung änderte dieser Umstand aber nichts. Es war ein sehr schönes Gefühl, Mama und Sohn wieder vereinen zu können und die leuchtenden Augen der beiden zu sehen. Für mich persönlich war das ein ganz emotionaler Start in das Projekt.

Und dann kam Monate später Paris und für dich der Sprung ins kalte Wasser.
Das war sozusagen meine erste richtige Wünschefahrt, weil wir mit dem Wünschewagen unterwegs waren und diesmal eine Wünschende an Bord war. Und dann gleich eine so außergewöhnliche Reise, die für das gesamte Projekt eine ganz neue Erfahrung dargestellt hat. Für mich war das eine große Herausforderung, ja, ein Sprung ins kalte Wasser. Aber es war toll. Wir haben uns alle so gut verstanden, dass wir uns sofort geduzt und während der gesamten Zeit viel gelacht und erzählt haben. Die Chemie hat gestimmt – das ist gerade bei sehr langen Fahrten ganz wichtig. Besonders für das jeweilige Wünschewagen-Team. Hier hatte ich Glück, denn mit Jens hat alles super geklappt. Am wichtigsten war es aber, dass in Paris der Wunsch unserer Wünschenden in Erfüllung geht. Und das tat er. Sie war auf dem Eiffelturm und konnte auf diese unglaubliche Metropole blicken. Wir waren im Museum, sind die Champs-Élysées runtergelaufen und fanden ein schönes Restaurant, das so anders war als man es in Deutschland kennt. Und das meine ich positiv. Abends sind wir jedenfalls total erschöpft, aber glücklich ins Bett gefallen.

Erschöpft warst du sicherlich auch nach der Wünschefahrt oder?
Ja, na klar. Insgesamt waren wir vier Tage und drei Nächte zusammen unterwegs. Von Greifswald ging es nach Lüttich in Belgien, am nächsten Tag nach Paris und von dort wiederum einen Tag später nach Lüttich, schließlich zurück nach Greifswald und am Ende nach Bad Doberan, wo unser Wünschewagen steht. Unsere gute Stimmung hat uns ganz viel Kraft gegeben. Aber trotzdem sind solche Fahrten natürlich Ausnahmefälle für unser Projekt, denn sie setzen voraus, dass die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer tagelang dabei sein können.

Seither sind für dich viele weitere Wünschefahrten dazugekommen. Du warst u.a. in Ahlbeck an der Ostsee, in Leipzig, in Hamburg beim Musical Mary Poppins und im Rostocker Ostseestadion. Was ist für dich besonders in Erinnerung geblieben?
Das ist eine sehr gute Frage, weil die Eindrücke, die Wünschenden und ihre jeweiligen Wünsche so unterschiedlich waren. Was bei allen ganz ähnlich und wunderschön zu sehen war, das war das Strahlen in ihren Gesichtern. Die Freude und das Lächeln. Diese positive Energie treibt mich an. Auch wenn mal nicht alles klappt, sind die Menschen dankbar und glücklich. So wie bei Udo zum Beispiel, mit dem Korinna (Korinna Lembke, Anm. d. Red.) und ich zweimal bei einem Heimspiel des F.C. Hansa Rostock im Ostseestadion waren. Hansa hat zwar beide Male verloren – gegen Münster 1:4 und im DFB-Pokal gegen Nürnberg im Elfmeterschießen -, aber Udo hat sich nicht anmerken lassen, dass es kein Happy End gab. Er war stolz, der Mannschaft so nah sein zu können. Vor allem beim DFB-Pokalspiel wurde sich so toll um uns gekümmert, dass wir uns fast als Teil der Mannschaft gefühlt haben. Bis vor kurzem dachte ich, dass uns Korinna Pech gebracht hat. Udo und ich hatten während der Fahrten immer wieder unsere Späße darüber gemacht. Aber als sie neulich einen weiteren letzten Wunsch im Ostseestadion erfüllt und Hansa diesmal gewonnen hat, fürchte ich, dass es vielleicht doch an mir lag.

Abgesehen vom Fußball-Pech klingt das nach einem wunderbaren Team, das du bislang kennengelernt hast.
So ist es. Mit Andreas (Andreas Langberg, Anm. d. Red.) und Korinna war ich schön häufiger unterwegs. Bei Korinna hat es sich von Beginn an so angefühlt, als ob wir uns schon längst kannten. Auch mit Andreas sind die Fahrten klasse. Er nimmt einem die Sorgen und wischt die Unruhe weg. Das gibt mir Halt. Ich habe bis jetzt nur gute Erfahrungen mit den Männern und Frauen gemacht, die mit mir zusammen letzte Wünsche erfüllt haben. Unser Team besteht aus wunderbaren Menschen.

Wie ist der Ablauf von der Anfrage bis zur Wunscherfüllung?
Bettina (Bettina Hartwig ist die Projektleiterin des Wünschewagens MV, Anm. d. Red.) schickt zunächst allen ehrenamtlichen Wunscherfüllern eine allgemeine Nachricht. Da stehen dann Informationen zum Datum, Start- und Zielort drin und manchmal auch, ob eine Übernachtung notwendig ist. Diejenigen, die Zeit haben und daran teilnehmen möchten, melden sich bei ihr zurück. Dann koordiniert Bettina die Ehrenamtlichen und bespricht mit dem letztlichen Team die Einzelheiten. Das heißt, dass nur die jeweiligen Wunscherfüller Details zur anstehenden Fahrt erhalten. Dann findet ein Vorgespräch statt, in dem auf Einzelheiten eingegangen wird. Und schließlich geht es los. An dieser Stelle möchte ich auch ein riesengroßes Dankeschön an Bettina richten. Was sie leistet, ist großartig. Sie ist immer morgens da, wenn die Wünschefahrten losgehen, sie bereitet uns super vor und sie unterstützt uns wo sie kann.

Wie fühlt es sich an, wenn man die Bestätigung erhält, dass man mitfährt?
Das ist sehr aufregend. Ich kriege sofort Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke, wie Bettina damals, vor meiner ersten Fahrt, sagte: „Du bist dabei!“ Diese Aufregung hält auch lange an.

Wie reagiert dein privates Umfeld auf dein Engagement für den Wünschewagen?
Meine Freunde finden es toll, dass ich das mache. Sie sehen natürlich auch die Fahrten von mir zuhause in der Nähe von Stralsund nach Bad Doberan und wieder zurück und fragen sich, wie ich das schultern kann. Aber das geht, weil ich mit einhundert Prozent dabei bin und mich auf jede einzelne Wunscherfüllung freue. Ich habe außerdem eine ganz liebe Nachbarin, die sich während der Fahrten um meine beiden Hunde Cora und Gismo kümmert. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Wurdest du schon einmal außerhalb deines Freundes- und Familienkreises auf deine Tätigkeit für den Wünschewagen angesprochen?
Ehrlich gesagt, ja. Und wenn ich daran denke, kommen mir fast die Tränen. Wir hatten gerade eine Pause auf einem Rastplatz eingelegt und bei herrlichem Sonnenschein Kaffee getrunken. Ich glaube sogar, dass es die Fahrt nach Paris war. Dann kamen ein 10-jähriger Junge und ein 8-jähriges Mädchen zu uns gelaufen, die kurz vorher mit ihrem Papa an uns vorbeigefahren sind. Sie haben ihn gefragt, worum es beim Wünschewagen geht und der Papa hat es ihnen vorsichtig erklärt. Dann haben uns die Kinder ihr gesamtes Taschengeld gegeben. 50 Euro für den Wünschewagen. Damit wir einen letzten Wunsch erfüllen können. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Das war eine ganz besondere Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.

Vielen Dank, dass du diese Momente mit uns geteilt hast, Maik.

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